Spaghetti Western Podcast

Amigos BluRay Besprechung

From The Spaghetti Western Database

Amigos war lange Zeit nicht einzeln erhältlich. 2013 erschien der Film erstmals in guter Qualität bei Koch Media in der Italowestern Enyzklopädie 1 (das nach Kollege Bluntwolf zum Anlass für eine detailliertete DVD Kritik) doch 2018 erschien dann von Koch Films endlich eine Auskoppelung und sogar erstmals weltweit auf Bluray. Giulio Petronis Amigos von 1968 ist für mich ein nächster großer Etappensieg der Wiederentdeckung im Rahmen des SpagvemberFest 2020.

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Tim (Giuliano Gemma) lernt den Goldgräber Harry (Mario Adorf) zufällig kennen, als sie beide die Opfer eines grausamen Postkutschenüberfalls durch Pratt (Federico Boido) beerdigen. Später laufen sie sich in einem Saloon über den Weg und freunden sich an. Was Harry nicht weiß: Tim arbeitet für eine reisende Schaustellertruppe und ist eigentlich ein Hochstapler. Er überredet Harry, sein hart verdientes bzw. geschürftes Gold in einer Bank einzuzahlen, von der dieser später realisiert, dass es sie nicht (mehr) gibt. Er zieht los um es Tim heimzuzahlen, aber all das Geld ist bereits in Ausrüstung und Immobilien investiert. Leider scheint auch Pratt hinter Tim herzusein, der wohl in der Vergangenheit auch schon mal Opfer von Tims Streichen wurde. Harry wollte von dem Gold eine geerbte Ranch auf Vordermann bringen. Die beiden tun sich fortan zusammen, legen Leute aufs Kreuz - zum Beispiel versuchen Sie eine hübsche Witwe (Magda Knopka) auszutricksen - und sind auf der Flucht vor Pratt und seiner Gang. Von Streich zu Streich zeigt sich: Tim ist der schlauere, Harry der ehrlichere, aber so richtig trauen tun sich die beiden nach wie vor nicht... je näher ihnen Pratt kommt, desto mehr wird es ein Überlebenskampf....

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Ich weiß jetzt wieso ich mit dem Film noch nie so sonderlich viel anfangen konnte: trotz der herzhaften Parterschaft von Gemma und Adorf, trotz des guten Set-Designs und der Länge, trotz alledem werde ich mit dem Film nicht warm - denn er ist extrem unausgewogen. Heitere Momente welchseln sich mit Szenen äußerster Brutalität ab, Charaktere kommen und gehen, und man merkt nicht auf welche rote Linie der Drehbuchschreiben nun eigentlich am meisten Lust hatte. Amigos ist eine wunderbare Abenteuer-Odyssee mit einigen sehr schönen Momenten, prima Handwerkskunst und einer sehr guten Besetzung. Aber, der Film zieht sich, und er fesselt kaum, es kommt keine Spannung auf und man weiß nicht so recht ob man nun amüsiert sein soll oder einen grimmigen Film guckt.

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Obwohl ich den Film nun auf italienisch geguckt habe (aus Angst die deutsche Synchronfassung könnte noch etwas mehr klamaukhaft sein), bleibt doch der fade Beigeschmack eines Films der einfach ein wenig zu leichtherzig ist um als ernsthafter Italowestern - nun - ernst genommen zu werden. Immerhin scheint Adorf sich auch auf Italienisch selbst synchronisiert zu haben (so wie auch in der deutschen Fassung) - klingt jedenfalls so, und er spricht ja auch Italienisch (das kennt man aus Interviews). Die Musik ist ganz schön eigentlich, aber bis auf wenige Motive eher vergessenswert. Gute Handwerksarbeit von Morricone und Nicolai aber doch eher keine Herzensangelegenheit - und das hört man einfach. Wenige wirkliche Melodien mit Tiefgang, und einfach viel genreübliche Klänge.

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Mario Adorf spielt insgesamt großartig, und vielleicht ist es ja wirklich seine beste Italowestern-Rolle. Gemma hingegen hat denke ich schon besseres abgeliefert, vor allem kauft man ihm hier einfach nicht so recht ab welche Person er hier eigentlich sein möchte, und so richtig viel Lust, sich gegen Adorfs Herzhaftigkeit zu behaupten scheint er auch nicht gehabt zu haben. Letztenendes kann der Film nur von diesem Duo getragen werden, ähnlich wie auch Ben und Charlie, ein Spencer-Hill Film oder gar Blondie und Tuco. Eine Freundschaft wider Willen, aber dennoch ein gemeinsames durch-dick-und-dünn. Nur springt der Funke nicht so recht über. Wie dem auch sei, Amigos ist dennoch absolut sehenswert, denn Petroni ist immer einn Blick wert, und hier ist trotz der Drehbuch-Schwächen vieles gut gelungen, von der Kameraarbeit über den Schnitt bis hin zum Production Design. Und wenn am Ende der Vorhang fängt, hat man doch das Gefühl einen schönen Film gesehen zu haben, man ärgert sich halt nur ein klein wenig darüber was er noch so hätte sein können.

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Die BluRay bietet die ungekürzte Version des Films vom italienischen Print und sieht wirklich großartig aus. Zwar gibt es auch Szenen wo das Bild ein klein wenig schwächelt, aber insgesamt bietet es eine wunderbar warme Farbe, schöne Kontraste, weitgehend schadenfreies Bild, nicht zu viel digitale Nachbearbeitung und gute Schärfen. Eine wahre Freude. Der Ton (italienisch getestet) klingt solid, haut aber nicht vom Hocker. Auch der deutsche und der englische Ton sind jeweils OK, aber ebenfalls nicht bombastisch. Es gibt optionale deutsche Untertitel. Zu den Extras: "Ein Mann der Tat" (9min) ist ein informatives Interview mit Giuliano Gemma, das aber den meisten Lesern bereits bekannt sein dürfte. "Und als Dach ein besternter Himmel" (12min) ist ein Interview mit Filmhistoriker Antonio Tentori. Dazu kommen noch die Trailer (deutsch, englisch und italienisch), eine Bildergalerie und der deutsche sowie der englische Vorspann. Der deutsche liegt in recht schlechter Qualität vor aber in einer neuen Abtastung, trägt den "die (B)Engel lassen grüßen" Untertitel und ihm scheint am Anfang einiges an Inhalt zu fehlen. Die qualität des englischen Vorspanns ist auch in der Vorsequenz scheinbar gekürzt, die Qualität hier ist eider unterirdisch aber im wesentlichen entspricht es der deutschen Schnittabfolge am Anfang mit nur minimalen Differenzen.

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Text von Sebastian

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