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Bis zur letzten Lira

From The Spaghetti Western Database

All’ultimo sangue, ein am 18. Juli 1968 erstmals gezeigter Western von Paolo Moffa, führt exemplarisch vor, was unter einem „Schundfilm“ zu verstehen ist.


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José Greci weiß weder ein noch aus


Auweia, das fängt ja gut an. Die ersten Minuten von All’ultimo sangue dürften bei Spaghettiwesternaficionados Déjà-vus auslösen oder den Impuls, überprüfen zu müssen, ob man tatsächlich die gewünschte Disc eingelegt beziehungsweise die richtige Datei geöffnet hat. Zu sehen sind nämlich zusammengekleisterte Szenen aus Gianni Grimaldis Starblack und Tonino Valeriis Per il gusto di uccidere, beide im Jahr 1966 veröffentlicht. Die einleitende Attacke auf eine Postkutsche – zur Gänze Grimaldi. Der einsame Reiter auf einer Sanddüne, die Kavalleristen im Cañon, der anschließende Banküberfall – alles Valerii. Dieser Einstieg (circa fünf Minuten in der deutschen Version, rund achteinhalb in der französischen) schraubt die Erwartungen gleich in die Höhe einer Fußmatte. Aber gut, zumindest kann man sich beim Sprung von einer Fußmatte auf den Boden nur im widrigsten Fall ernsthaft verletzen.

Der Vorspann der französischen Version, Jusqu’à la dernière goutte de sang – der Titel ist eine wörtliche Übertragung des italienischen –, verrät uns im Gegensatz zu jenem der deutschen, dass das Drehbuch von Enzo Dell’Aquila stammt und Aristide Massaccesi (besser bekannt als Joe D’Amato) die Kamera bedient hat. Der deutsche Vorspann nennt uns Craig Hill, Ettore Manni und Ken Wood (d. i. Giovanni Cianfriglia) als Darsteller, Nico Fidenco als Komponisten, Franco Villa als Director of Photography, John Byrd als Regisseur – und natürlich den Titel des Films, Den Geiern zum Fraß, der sich auf den ersten Blick weder verbaliter noch sonst wie orientiert am italienischen, All’ultimo sangue („Bis zum letzten [Tropfen] Blut“). Auf den zweiten Blick wird allerdings schnell klar, wo der Maulwurf seine Brille verlegt hat. Zugrunde liegen der eigentümlichen Übersetzung nämlich einige bedauerliche Lapsus in einem 1967 vom Hauptverband der Deutschen Filmsynchronisationsindustrie e. V. herausgegebenen Italienisch-Deutsch-Diktionär, welches Wildwestfilmprofessionisten die mühevolle Übertragung der unleidlichen italienischen Titel erleichtern sollte. Das folgende Exzerpt aus diesem Fachwörterbuch zeigt, wo die Fehler passiert sind:

addio s/m, int Django
all’ (a + l’) prep, art/det den
amico s/m Django
assassino s/m Django
bastardo s/m Django
colpo s/m Django
colt s/f Django
Dio s/m Django
dollaro s/m Django
giorno s/m Django
grande s/m/f, agg pflastern
il art/det Leichen
ira s/f Django
massacro s/m Django
morire v/i Django
morte s/f Django
odio s/m Django
piombo s/m Django
pistola s/f Django
pistolero s/m Django
pregare v/t Django
sangue s/m zum Fraß
sceriffo s/m Django
silenzio s/m seinen Weg
sparare v/t, v/i Django
uccidere v/t Django
ultimo s/m, agg Geiern
uomo s/m Django
vendetta s/f Django
violenza s/f Django

Auf den miesen Vorspann und den rezyklierten Prolog folgt eine überaus öde und lieblos erzählte Geschichte, die sattsam bekannte Versatzstücke aus Western von Leone, Corbucci, Sollima hilflos nebeneinanderstellt. Der Gauner Billy Gun (Cianfriglia) raubt Gold, die Armee beauftragt Captain Norton (C. Hill) mit dessen Wiederbeschaffung, der rekrutiert „el chaleco“ (Manni, „die Weste“) direkt vom Galgen als seinen Helfer, woraufhin Bandit Cordero („Lamm“, Francesco Santovetti) die Arbeit an seiner Dissertation über Kants kategorischen Imperativ kurzfristig unterbricht, um sich an der Goldhatz zu beteiligen. Die im Juni 2017 verstorbene José Greci ist in der obligaten Frauennichtrolle zu sehen.

Neben dem oben erwähnten Filmmaterial aus Per il gusto di uccidere und Starblack „rekontextualisiert“ Paolo Moffa auch Sequenzen aus Grimaldis All’ombra di una colt und wissen die Geier was noch. Das Ergebnis ist ein Spaghettiwestern zum Abgewöhnen, ein inkohärentes Flickwerk, das leider in den Jahren ab (spätestens) 1968 en masse modellhaft wurde und den kurzzeitig boomenden Markt für europäische Wildwestfilme überflutete und schließlich ertränkte. Man möchte sich zwar gerne der intellektualistischen Illusion hingeben, die von Enzo Barboni dirigierten Trinità-Klamaukfilme (1970 und 1971) hätten durch ihre (Sub-)Genredekonstruktion und -demystifizierung den italienischen Western ruiniert;[1] vielmehr waren es jedoch in geistloser Fließarbeit zusammengestoppelte Fabrikate wie All’ultimo sangue, die wesentlich zum Versiegen dieses „filone“ beitrugen.

Glücklicherweise blieb Den Geiern zum Fraß Paolo Moffas einzige Regiearbeit im Westerngenre.[2] 1915 in Rom geboren, 2004 in Nizza gestorben, startete Moffa auf seinem langen Berufsweg in der italienischen Filmwirtschaft 1937 als einer von Carmine Gallones Regieassistenten in der faschistischen Prestige- und Propagandaproduktion Scipione l’Africano, mit der die von Benito Mussolini im April desselben Jahres eröffnete Cinecittà in Rom ihren Betrieb aufnahm. Eine gruslige Vorstellung: “Mussolini himself visited the set […] and was hailed by cries of ‘Duce, Duce!’ from the cast of thousands of extras decked out in ancient Roman garb.”[3] Moffas Weg endete 1983 als Produzent eines Joe-D’Amato-Recyclingpornos.[4] 1960 hatte er Leone die Idee für dessen Il colosso di Rodi geliefert, indem er ihm einen Zeitschriftenartikel über die sieben Weltwunder des Altertums zeigte.[5] Daraus entstand ein prächtiges Peplum mit Rory Calhoun und Lea Massari in den führenden Rollen, Leones erster Film als kreditierter Regisseur. Die Besetzungsliste enthält die Namen vieler später auch in Western auftretender Schauspieler, darunter Ángel Aranda, Alfio Caltabiano, Roberto Camardiel, Antonio Casas, Mimmo Palmara, Nello Pazzafini, Gustavo Re, George Rigaud und Conrado San Martín.

Craig Hill, im März 1968 zweiundvierzig geworden, hatte seine nicht wahnsinnig erfolgreiche Hollywoodfilmkarriere 1950 begonnen. Er spielte meist nur kleine Parts – etwa unter Regisseuren wie John Ford, Sam Fuller, Joseph L. Mankiewicz, Rudolph Maté, William A. Wellman oder William Wyler –, bevor er 1965 erstmals in einem europäischen Western die Hauptrolle übernahm, in Ocaso de un pistolero von Rafael Romero Marchent. Nomen est omen, könnte man versucht sein zu denken, „ocaso“ bedeutet „Untergang“ und „Verfall“. Nur zwei der amerikanischen Filme, in denen Hill mitwirkte, habe ich gesehen, und beim besten Willen kann mich an ihn weder in Mankiewicz’ All About Eve (1950) noch in Fullers Fixed Bayonets! (1951) erinnern. Auf Ocaso de un pistolero folgten für Hill Per il gusto di uccidere von Tonino Valerii und bis 1973 vierzehn weitere Eurowestern, darunter Nunzio Malasommas Quindici forche per un assassino (wörtlich: „Fünfzehn Galgen für einen Mörder“, 1967), bei dem ich trotz mehrmaliger Anläufe über die ersten dreißig Minuten noch nicht hinausgekommen bin, und Paolo Bianchinis Lo voglio morto („Ich will ihn tot“, 1968), der nicht zuletzt aufgrund der darstellerischen Eindrücklichkeit von Lea Massari – ihr einziger Auftritt in einem Wildwestfilm – sehenswert ist (Kinogeschichte mitgeschrieben hatte Massari 1960 in Michelangelo Antonionis Meisterwerk L’avventura als Anna, jene Figur, deren Verschwinden das Movens des Films bildet, aber ungeklärt bleibt). 1971 spielte Hill in Mario Bianchis missglücktem Krimiwestern In nome del padre, del figlio e della colt („Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Colts“) eine Doppelrolle, zwei Brüder, gut und böse, und im selben Jahr trat er auch in Mario Gariazzos Il giorno del giudizio auf, über den es außer Rosalba Neris Mitwirken als Aufgehender Sonne wenig Erhebendes zu berichten gibt.

Gar nix zu berichten gibt es über den Darsteller des „bandido“ Cordero, Francesco Santovetti. Die üblichen Quellen weisen ihm genau diese als einzige Filmrolle zu. Vermutlich hat er sich All’ultimo sangue angesehen, vielleicht gemeinsam mit Familie, Freundinnen und Freunden. Und dann eine Entscheidung getroffen. Ein kluger Mann.


Santovetti.jpg

Francesco Santovetti weiß aus und ein


Anmerkungen:

  1. “The attack on the myth of the western came, however, when Terrence Hill and Bud Spencer teamed up with the director Enzo Barboni to make They Call Me Trinity. […] Both Leone and Corbucci have claimed that Barboni’s Trinity films gave the coup de grâce to the genre.” Peter Bondanella, A History of Italian Cinema, New York, London: Bloomsbury, 2013 (2009), S. 366.
  2. Als Produzent hingegen war er bei sechs Wildwestfilmen tätig: Siro Marcellinis L’uomo della valle maledetta (1964), Alfonso Balcázars ¡Viva Carrancho! (1965), Jaime Jesús Balcázars Cuatro dólares de venganza (1966), Gianni Grimaldis Starblack (1966), Mario Gariazzos und Leopoldo Savonas Dio perdoni la mia pistola (1969) sowie Giuliano Carnimeos Sono Sartana, il vostro becchino (1969). L’uomo della valle maledetta und Dio perdoni la mia pistola habe ich nicht gesehen, aber die anderen vier sind jedenfalls besser als All’ultimo sangue.
  3. Bondanella, History, a. a. O., S. 47.
  4. Les Déchaînements pervers de Manuela, von D’Amato pseudonym als John Bird fabriziert. Für All’ultimo sangue verwendete Moffa seinerseits den Decknamen John Byrd.
  5. Siehe Christopher Frayling, Sergio Leone: Something to Do with Death, London: Faber and Faber, 2000, S. 98.

Compañero M.

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