Die Grausamen BluRay Rezension

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Besprechung der Koch Films BluRay Veröffentlichung von Die Grausamen, ab 5. Mai 2022 im Shop des Labels erhältlich. Es handelt sich um den ersten Teil der neuen Western All'Arrabiata Reihe.

Film

Der Film handelt von dem fanatischen Südstaatenoffizier Jonas (Joseph Cotten), der nach Ende des amerkanischen Bürgerkriegs mit seinen Söhnen einen Geldtransport von Unionstruppen brutal überfällt. Das Geld wollen sie in einem Sarg nach Süden bringen und tarnen sich daher als die Familie und Hinterbliebenen eines toten, als “Witwe” haben sie eine junge Dame engagiert. So schmuggeln sie sich durch Feindesgebiet, doch die zum Alkohol tendierende Dame baut mist und wird kurzerhand erschossen. Der jüngere Sohn Ben (Julian Mateos) treibt in der Stadt Ersatz auf in Form der jungen Claire (Norma Bengell), die jedoch ebenso wie ihr neuer Schutzengel Ben Skrupel hat bei dem brutalen Morden von Jonas und seinen beiden älteren Söhnen (Angel Aranda, Gino Pernice), die es auf das Geld, aber auch Claire, abgesehen haben… als sie Unionstruppen in die Hände laufen, erteilt Claire Jonas eine Lektion...

Die Grausamen

Es ist ziemlich lange her das ich den Film zuletzt gesehen habe, damals einer US DVD (ich hatte da auch darüber geschrieben). Hier sieht man übrigens das StudioCanal Logo, vielleicht steht auch eine französische BluRay bald ins Haus, oder es kommen gar noch mehr Filme in dieser Reihe bei denen die Franzosen auf den Rechten sitzen. Produzent Albert Band hatte einige Zeit vorher The Tramplers (an den ich mich im Moment gar nicht mehr erinnern kann, aber diesem Film hier extrem ähnlich ist) gemacht, auch mit Joseph Cotten, auch basierend auf dem gleichen Romanmaterial. Er wirkte hier auch am Drehbuch mit. Als Regieassistent fungierte Ruggero Deodato (Jungle Holocaust) und für die Cinematographie zeigte sich der später noch als E.B. Clucher kommerziell sehr erfolgreiche Enzo Barboni verantwortlich und liefert hier außerordentlich gute Arbeit ab, auch aus den langweiligsten Settings noch kleine visuelle Meisterkompositionen herauskitzelnd.

Die Grausamen

Die Musik stammt natürlich nicht von Leo Nichols wie im Vorspann genannt, sondern hinter diesem Pseudonym versteckte sich niemand anderes als der vor einiger Zeit leider verstorbene Großmeister der Kompositionskunst, Ennio Morricone. Der Score für Die Grausamen ist jedoch nicht besonders herausragend, lediglich die einsame Trompete, gespielt von Nunzio Rotondo, sticht hier hervor. Wem das bekannt vorkommt, das Motiv hier ist einer ähnlichen Melodie in Zwei Glorreiche Halunken ganz ähnlich, und stammt aus der gleichen Feder, aber gespielt angeblich von Michele LaCerenza. Sergio Corbucci ist natürlich in erster Linie bekannt für Django und Leichen pflastern seinen Weg, diesen Film hat er zeitlich irgendwo im Mittelfeld seiner Italowesternphase gedreht.

Die Grausamen

Wie Simon schreibt, Die Grausamen wird oft übersehen, auch von vielen Corbucci Fans. Der Film ist sehr anders und obgleich er interessant ist, funktioniert er nicht so recht bis der Regisseur am Ende noch die Kurve kriegt. In meiner eigenen Rezension von 2007 schrieb ich, dass ich sehr positiv überrascht war von dem Film. Die unterschiedlichen Facetten, Wendungen und Charaktere des Films schaffen einen hohen Grad an Komplexität aber lassen den Film hochwertig wirken, es ist kein billiger Cowboyfilm. Nach so viel Abstand wieder gesehen kann ich auch nochmal genau dies unterstreichen: er ist für Corbuccis Verhältnisse etwas seltsam, wirkt auch nicht so passioniert (vielleicht eher wie eine Auftragsarbeit) und kämpft ein wenig damit, als aufregender Actionfilm vermarktet worden zu sein während es eigentlich eine recht minimalistische Auseinandersetzung mit Fanatismus ist, verpackt in eine Art Roadmovie im Stil von Weekend at Bernie’s.

Cotten, der sichtlich mit dem Lidschatten kämpft, spielt so eine Art Mussolini-Interpretation (so einige Filmkritiker) und einen Charakter der wirklich extrem brutal und skrupellos ist, verblendet geradezu, fanatisch und religiös-faschistisch. Er und seine Unterlinge klammern sich verzweifelt an eine verlorene Sache und halten diese als heilige Begründung für allen möglichen brutalen Scheiss her, was Cottens Charakter einen Hauch von Idealen gibt, die jedenfalls aus dessen Perspektive all seine Handlung verzeihlich machen. Hinterlaufen wird sein perfider Plan von dem jüngeren Ben (Julio Mateos, kennt man vielleicht aus Les étrangers mit Michel Constantin und Senta Berger), der zunehmend Skrupel hat, und Claire (gespielt von der großartigen Norma Bengell aus Planet of the Vampires), die doch etwas gewiefert ist als sie es von einem leichten Mädchen aus dem Saloon erwartet hätten. Enden tut der Film auf einer niedrigen Note, bitter und in geweisser Weise auch verdient. The Hellbenders ist wie der Titel schon sagt: grausam, inhaltlich gesprochen. Als Film ist er sehr unterhaltsam, recht spannend und sehr interessant. Mit tollen Bildern, guter Handwerkskunst, vielen Wendungen und ein paar netten Actionsequenzen. Die gute Besetzung, zu der auch die Genre-Veteranen Aldo Sanbrell in einer Nebenrolle als mexikanischer Bandit oder Al Mulock als hinterlistiger Landstreicher gehören, aber vor allem Gino Pernice und Angel Aranda als die anderen beiden Söhne, sowie ein Gastauftritt von Enio Girolami, ist gut gelungen.

Die Grausamen

Die BluRay

Das Bild ist insgesamt ein wenig heterogen, aber zu 98% super aufbereitet. Da kommt wahre Freude auf, vor allem bei den warmen Farben guten Kontrasten auch in Nachtszenen und den schönen Texturen und erhaltenen Filmkorn. Heterogen, weil die Präsentation leider nicht durchgängig ein hohes Niveau halten kann. Da gibt es durchaus mal Schlieren bei Bewegungen (Kameraschwenks bereiten Rauschfiltern regulär Probleme), und teilweise ist das Bild auch ein wenig blass, gerade bei hellen Aufnahmen, was aber nichts daran ändert dass die Farben super aussehen. Das Bild ist scharf, aber es fehlt ihm teilweise an Detail, gerade bei Totalen, Hintergründen und der ein oder anderen sonstigen Einstellung. So gibt es durchaus auch Aufnahmen, die bei der digitalen Nachbearbeitung leer ausgegangen zu sein schienen, Leider habe ich keine Möglichkeit Screenshots zu machen aber ihr werdet schon sehen. Bei Minute 56 scheint gar einmal das Encoding oder die digitale Nachbearbeitung völlig aus dem Ruder gelaufen zu sein, das ist unschön aber hält nur für die Dauer der wenige Sekunden umfassenden Szene an. Es ist auch möglich dass speziell diese mit minderwertigerem Material aufgefüllt werden musste, weil sie in vorliegenden Versionen gekürzt war (sie nimmt eine spätere Wendung der Geschichte vorweg). Insgesamt eine sehr hochwertige Präsentation dieses Klassikers, mit einigen wenigen Makeln.

Die Grausamen

Der Ton klingt eigentlich ziemlich gut (Italienische Spur in erster Linie getestet, die anderen beiden zunächst erstmal nur punktuell), aber alle drei klingen eher etwas flach. Ich muss den Film jedenfalls, auch wegen etwaigen Übersetzungsgenauigkeit bzw. -Ungenauigkeit, nochmal auf Englisch gucken und aktualisieren diesen Artikel an dieser Stelle bei Gelegenheit nochmal. Was ich schon feststellen konnte, und was auch eine ältere Kritik des Films bereits anmerkte ist, dass die deutsche Synchro auch mal Handlung unterschlägt. Schon das ist für mich oft ein Grund, mich an den Italienischen Ton zu halten, der zumeist bei Italowestern den Drehbüchern am nächsten ist. Hier ist gleich der allererste Dialogfetzen in der deutschen Version sinnverstellt (das Geld soll in den Süden, sagt der Sergeant, während er sich in der deutschen Version über einen Hinterhalt Gedanken macht, und das ist nicht die einzige “Freiheit” die sich die deutsche Fassung erlaubt, leider, in Summe zu viele wie ich finde). Dann stellt sich aber die Frage mit welchen Untertiteln man quasi kombiniert, leider sind auch die englischen Untertitel nicht ganz mit der italienischen Fassung identisch, oder gar ein Dubtitle, am akkuratesten fand ich in der Tat den deutschen Untertitel. Wie gesagt aktualisiere ich in Kürze nochmal mit diesen Text wenn ich der englischen Synchron nochmal ein Ohr schenken konnte. Gibt aber übrigens auch mindestens einen Dialogfetzen den es wohl auf Italienisch nicht gab und der Ton kurz nach Englisch wechselt.

Die Grausamen

Die Scheibe enthält zwei volle Audiokommentare. Der von Alex Cox (u.a. Autor von 10.000 Ways to Die) war schon auf der Scheibe von Kino Lorber enthalten. Neu hinzu kommt einer von Troy Howarth (u.a. Autor von So Deadly, so Perverse). Beide sind natürlich auf Englisch und das ohne Untertitel, falls sich jemand diese Frage gestellt hatte. Ich habe in beide ein wenige reingehört und bin recht begeistert. Howarths Kommentar ist vielleicht, wenn man so will, etwas akademischer (sehr gut recherchierter) und mehr auf einer Filmkritiker-Ebene, während Cox eher eine Praktikerperspektive einnimmt und mehr über Produktion und Handwerkskunst weiß oder beim Zusehen erkennt. Zwei wirklich großartige Kommentare. Ein Interview mit Ruggero Deodato (22 Minuten) “Cruel Holocaust” dürfte schon etwas älter sein da noch das alte Koch Media Logo davor prangt, aber es wird hier in HD präsentiert. Es ist sehr informativ und Ruggero sehr gut gelaunt wie er da aus dem Nähkästchen plaudert. Mit diesen Super8 Fassungen kann ich wenig anfangen, das ist eher was für Nostalgiker. Diese hier ist 18:25 Minuten und in schwarz-weiß, die Qualität ist… akzeptabel. Der deutsche Vorspann liegt nur in sehr schlechter Qualität vor und zeigt das alpha film Logo. Der italienische Vorspannung ist zwar nicht auf Ebene des Hauptfilms, sondern eher ein hochskalierter Pixelbrei bei näherer Betrachtung, aber er könnte dem gleichen Ausgangsmaster entsprungen sein. Es liegt der etwas seltsame italienische Trailer bei in recht guter Qualität, und der unterhaltsame amerikanische, voller Kratzer und einem witzigen Voiceover. Eine Bildergalerie mit Aushangfotos, Postern und Stills rundet das ganze ab.

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Aufmachung und Booklet kann ich leider nicht sehr gut beurteilen, da mir nur eine Anpressung zur Verfügung stand. Koch Films bringt den Film in einer Verpackung unüblichen Maßes heraus, nämlich etwa 15 auf 15 Zentimeter, also in etwa einer CD-Sammlerbox oder ggf. waren auch Super8 Schachteln damals so groß. Das ist nicht so gigantonomisch wie bei Emmanuelle, aber definitiv ein Hingucker, und trotzdem kompakt genug um das in den meisten Regalen unterzubringen. Wie man dem Bild oben entnehmen kann sieht das sehr nett gemacht aus und ein Poster liegt ja auch noch mit dabei. Die zusätzliche DVD Version des Films könnte man sich meinetwegen sparen, finde ich. Im Booklet finden sich Texte von unserem Kollegen und Comedian Extraordinnaire Lars Johansen und Marco Koch von 35MM, und zwar voll mit historischem und filmwissenschaftlichen Kontexten verteilt auf proppe sechs Seiten Prosa in etwa.

Fazit

Das Kartonformat ist vielleicht nicht für alle das Gelbe vom Ei, und Fans von Shop-Exclusives sind wir auch nicht, aber diese Veröffentlichung ist einfach astrein (trotz meines kleinkarierten Genörgels weiter oben) und sollte sich kein Italowestern-Fan entgehen lassen! Super Qualität, großartige Extras und im Regal wird es was her machen. Sergio Corbucci hätte sich gefreut. Die neue Reihe ist aufregend und ich habe schon gehört die nächsten Titel werden relativ zügig erscheinen und ein Mix aus teilweise schon in irgend einer Form erschienenen, und aber auch in Deutschland bislang noch gar nicht irgendwie digital erschienenen Titeln umfassen, insgesamt 10 an der Zahl.


Verfasst von Sebastian und publiziert am 28. April 2022.

Eine Vorabversion der BluRay wurde uns dankenswerter Weise von Koch Films zur Verfügung gestellt. Die stark komprimierten und oben im Artikel verwendeten Screenshots sind von der Kino Lorber BluRay aus USA und sind keine 1:1 Repräsentation der Bildqualität der besprochenen BluRay.