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Für ein paar Leichen mehr (Buchkritik)

From The Spaghetti Western Database

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Ulrich P. Bruckner zählt als einer der renommiertesten Italowestern Experten. Die Erstausgabe des Buches war nicht nur sowas wie eine Bibel für viele Fans und Kenner, er hat auch erfolgreich eine Serie von DVD Veröffentlichungen bei Koch Media initiiert, wo er die Heimkinoabteilung leitet. Diese Veröffentlichungen zählen zu den besten Italowestern-Veröffentlichungen auf DVD. Sein Buch ist ein enzyklopädisches Schwergewicht unter den Taschenbüchern das verspricht, das so ziemlich umfangreichste Werk über zum Genre zu sein. Die Originalausgabe war lange ausverkauft und diese Neuauflage ist mehr als nur das, es handelt sich um eine neu überarbeitet und erweiterte Ausgabe. Dem Autor und dem Verlag zu folge wurden viele Fehler bereinigt, Informationen hinzugefügt, Filme entfernt oder gelistet, Farbbilder ergänzt und vieles mehr. Die ursprüngliche Ausgabe findet sich leider nicht in meinem Besitz, aber das Buch das ich nun für Sie durchgehen werde ist definitiv ein Hingucker, vom Gewicht mal abgesehen. Mit ungefähr 730 seiten ist das Buch sicherlich mehr als eine Wochenendlektüre. Und das soll und will es auch nicht sein. Von einigen Aufsätzen abgesehen ist das Buch allem voran einfach ein Lexikon. Bruckner beginnt mit einem Vorwort welches die Stimmung für das bereitet was folgt, indem er über das momentane Revival und die Nachfrage für Filme des Genres spricht, was sich unter anderem in Fernsehausstrahlungen und DVD Neuauflagen ausdrückt. Viele alte Stars sind auch leider verstorben und ich würde sagen es ist eine besondere Ehre für die von uns geschiedenen, dass ihr Werk (das für viele der Schauspieler die in Italowestern gearbeitet haben Ruhm und Geld gebracht hat, aber damals auch weniger hochwertig angesehen wurde und teils auch erst am Ende der Karierre kam) wieder mehr und mehr von Filmfans weltweit geschätzt wird.

Mit einem achtseitigen Rückblick in das Genre beginnt Bruckner seinen Streifzug durchs Genre, von den frühen Anfängen (die Deutschen Western zum Beispiel), den ersten Blockbustern (Leone und Co) und den Abstieg des Genres in den späten 70ern mit dem Aufstieg des Comedy Western und den wenigen Spätwestern (so wie Keoma zum Beispiel). Was der Autor gut gemacht hat, ist dass er sich nicht zu stark ins Thema vertieft. Erfolgreich gibt er einen rohen àœberblick worüber das Buch sich spannen wird in den nächsten hunderten Seiten, während er das Genre gut beschreibt und einige wichtige Daten und Fakten nennt. In Sachen Namen und Fakten versucht Bruckner dann in nochmal drei Seiten, den Italowestern in drei oder mehr allgemeine Typen und Erzählmotive einzuordnen. Ich würde diesen Versuch als halb gelungen einschätzen, weil von den ungefähr 600 Italowestern sich die Grenzen teils schon sehr verwischen, die Motive kombiniert werden und die Intentionen der Regisseure von Produzenten und Verleihen geändert wurden. Während keine der Annahmen wirklich falsch sind, sind seine Einordnungen in 1964 bis 67, 1966 bis 68 und 1967 bis 71 etwas schwer nachvollziehbar. Trotz alledem sind seine Ideen mit sicherheit hilfreich als Ansatzpunkte für Filmanalysen.

Die Seiten 19 bis 438, eine unglaubliche Menge an Texten, Fakten und Bildern, sind das Herz des Buches. Was Bruckner "die besten Italowestern aller Zeiten" nennt, ist angereichert mit Storybeschreibungen, kurzen Kritiken und Pressetexten zu einer grossen Zahl Filme die der Autor als wichtig einschätzt. Die Artikel sind nach Jahr sortiert, was einige Möglichkeiten eröffnet in Sachen Veröffentlichungsmuster und Erfolgsquoten, sowie die Möglichkeit, Fälle von Plagiaten zu erkennen und rauszufinden, wer von wem abgeguckt hat. Bruckner widmet sehr viel Aufmerksamkeit den bekannteren Filmen so wie Für eine Hand voll Dollar als anderen, und gut so. Seine Story Zusammenfassungen sind teils sehr detailliert und wo er Hintergrundinformationen und Analysen bietet, sind diese immer sehr nett zu lesen und recht informativ. Was ich nicht enorm hilfreich gefunden habe, aber sehr interessant ist, sind die Pressetexte die er zu fast allen Filmen angibt. Diese Texte bringen nicht sehr viel an Wert, aber sie bieten etwas Einblick in den damaligen Pressestandpunkt zu diesen Filmen. Manchmal geben diese Texte eine Andeutung darauf wie die Zukunft des Filmes tatsächlich dann aussah, und sind in diesen Fällen mit dem heutigen Konsens sehr stark auf einer Linie. Das Buch ist durchgängig mit Bildern angereichert, so wie Filmplakate, Set Fotos, Stills oder Filmausschnitte. Eine eindrucksvolle Sammlung von Material, das schon einmal als Hauptgrund genannt wurde, warum man sich das Buch auch dann kaufen sollte wenn man der Deutschen Sprache nicht mächtig ist.

Was mir negativ aufgefallen ist an dem Buch, sind die Filmtitel, die von Bruckner im italienischen Original und im deutschen Titel angegeben sind, aber Alternativtitel in dieser Sektion ignoriert, was den Bedürfnissen von Fans, die ständig auf der Jagd nach der richtigen Version aus verschiedenen Ländern sind, nicht gerecht wird, wo es oft nötig ist, den englischen oder international bekannteren Titel parat zu haben (wozu gibt es aber diese Website, insofern nicht so tragisch). Was meinen Punkt wiederlegt ist, dass er die Titel in einem späteren Kapitel des Buchs wieder aufführt (dazu weiter unten). Der Autor hat seine eigene Sprache und die dringt im Grossteil des Buches durch. Es ist kein wissenschaftliches Buch, die Texte sind die Meinung und Ansichten des Autors und ich war oft nicht einer Meinung damit. Genauso wie "der kleine Bruder" des Buches (die stark komprimierte Version, die in Koch Medias Sollima DVD Box enthalten war), bietet dies eine sehr beliebte Hilfe, sich ueber die Filme schlau zu machen: angenommen Sie haben einen bestimmten Film noch nicht gesehen, dann lesen Sie Bruckners Artikel und entscheiden dann dafür oder dagegen, dem Film Ihre wertvolle Zeit zu widmen. Oder anders herum sehen sie einen Film, und recherchieren dann, was ein Experte wie Bruckner dazu zu sagen hat, ein Weg den ich persöhnlich des öfteren bevorzuge (und was mich meistens dazu bringt, mit Bruckner nicht übereinzustimmen, aber das ist ja gerade das Aufregende, ein Diskurs!).

In der Mitte des Buches findet man eine Reihe schöner Farbfotos von einer kleinen Anzahl Filme, also etwas für das Auge. Während die meisten dieser Motive auch wo anders verfügbar sind, ist es dennoch schön, sie in guter Qualität so vorliegen zu haben, weil ein wichtiger Teil des Charms von Italowestern auch von der Nostalgie stammt, die um sie schwebt. Viele Filme des Genres leben durch die Stimmung die sie kreiren duch Plakate, Musik, Trailer und ihren Ruf. Was folgt, sind alphabetische Filmografien von Schauspielern, Regisseuren, Autoren und Komponisten. Ein wertvoller Index von Namen (mit Bildern) macht es einfach, zum Beispiel Kollaborationen aufzuspüren und zu sehen, welche Namen am meisten vertreten waren im Genre anhand rein quantitativer Aspekte. Der Autor hat eine Reihe Interviews mit den noch lebenden Stars der Zeit geführt, welche Teil des Kapitels und sehr aufschlussreich sind. Er hat Sergio Sollima, Enzo Castellari und andere interviewt. Das Buch bietet sogar Filmografien von Kameraleuten und Biografien und Interviews mit Komponisten. Sehr hervorragend ist eine Liste von empfehlenswerten Soundtrack Kompliationen. Zehn Seiten von Drehorten mit Fotos folgen, Bruckner hat diese alle persönlich besucht und Bildvergleiche erstellt, jedoch diesmal nur die abgedruckt die in vorherigen Ausgaben noch nicht abgedruckt waren. Persönlich haette ich da eine mehr auf Vollständigkeit setzende Herangehensweise bevorzugt, aber es ist dennoch nett diese Bilder zu sehen, welche bei Reisen nach Almeria oder Tabernas zum Beispiel als hilfreiche Reiseführer dienen können.

Der wahre enzyklopaedische Teil des Buches beginnt auf Seite 454 und endet bei 702. Eine komplette Aufstellung aller Italowestern, mit ihren internationalen Titeln, Laufzeiten, Produktionsfirmen, Land, einigen Bildern, und vielem mehr. Der wahre Fan wird dieses Kapitel wohl sehr bald mit Merkern und Fussnoten versehen haben. Wenn Sie nicht schon eine Website wie die unsere benutzen wie ihr zweites Zuhause, ist dieses Kapitel das Hauptargument fuer das Buch. Dieses Kapitel ist es auch, stark verknappt, angereichert mit kurzen Zusammenfassungen und Bemerkungen, welches den "kleinen Bruckner" darstellt. Und gerade wenn man denkt, man hat sich durch das Buch durchgeblättert, setzt der Autor noch die Tüpfelchen auf das i mit einer Top 25 Liste von beliebtesten Italowestern (jedoch ist die Quelle oder Erhebungsmethode unklar, aber vergleichen Sie ruhig mit unserer Liste), einer Top 20 Liste von Soundtracks (wieder ist die Quelle nicht ganz klar) und eine enorm hilfreiche Liste von Schauspieler Pseudonymen, Regisseur, Autoren und Komponisten Pseudonymen, einigen Songtexten (zB der Titelsong von Django) und zu guter letzt noch einen Filmtitel Index (Deutsche Titel) mit Seitenangaben fuer schnellen Zugriff.

Es ist nicht schwer, zu einem Urteil ueber dieses Buch zu kommen. Bruckner beweisst, das er eine Autorität auf seinem Gebiet ist, indem er eine noch bessere Version seines ultimativen Nachschlagewerks liefert. Obwohl es nicht ohne Macken ist und speziell im Internetzeitalter viele der Inhalte und Eigenschaften nicht mehr so hilfreich sind als sie früher einmal waren, als man wirklich noch in Büchern geblättert hat, ist das Buch (und wird es noch laenger bleiben) eines der scheinenden Beispiele für Filmbücher, die Ihre Zielgruppe und Ihr Genre ernst nehmen. Das Buch ist grossartig und unterhaltsam, bietet interessanten Kommentar zu einer riesigen Anzahl Filme und ist angereichert mit einer wahrlich imposanten Sammlung von Bildmaterial. Es gibt keinen Grund, warum man sich als wahrer Fan diesen Waelzer nicht neben den DVDs dieser wunderbaren Filme ins Regal stellen sollte

--Sebastian 15:24, 20 August 2007 (CEST)

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