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Gottesfurcht und Gaskonaden in Sankt Dreifaltigkeit

From The Spaghetti Western Database

Die Wildwestkomödie Jesse e Lester, due fratelli in un posto chiamato Trinità [1] versucht das von Enzo Barbonis äußerst erfolgreichen Terence-Hill-und-Bud-Spencer-Vehikeln Lo chiamavano Trinità … (1970) und … continuavano a chiamarlo Trinità (1971) erzeugte kommerzielle Moment auszunutzen.


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„Runter sprangen wir vom Wagen […], und unsere silberbeschlagenen Pistolengriffe baumelten an unseren Hüften, und unsere Augen waren zu Schlitzen zusammengekniffen, und unsere Zähne waren zusammengebissen, und wir selbst waren ernst wie die Verdammten.“
— Flann O’Brien, In Schwimmen-zwei-Vögel [2]


Lester O’Hara und Jesse Smith haben außer ihrer Mutter wenig gemein. Der eine ist strenggläubiger Mormone, der andere Weiber- und Revolverheld. Als ihr lieber Onkel Thomas ihnen Land in der Nähe eines Ortes namens Trinity vererbt, müssen die beiden Halbbrüder kooperieren und sich miteinander arrangieren, obwohl ihre Visionen unterschiedlicher nicht sein könnten: Der eine will ein Gottes-, der andere ein Hurenhaus errichten.

Aus diesem Konfliktpotenzial schöpfend, reiht Jesse e Lester, due fratelli in un posto chiamato Trinità sozusagen heitere Episödchen aneinander, von dramatischem Bogen, erzählerischer Konsistenz oder Figurenentwicklung keine Spur. Richard Harrison als Jesse Smith und Donal O’Brien als Lester O’Hara – “squabbling siblings”[3] – verweisen natürlich auf Terence Hill und Bud Spencer[4] in Enzo Barbonis Trinità-Streifen, zu deren “most blatant spin-offs” Jesse e Lester laut Howard Hughes zählt – inmitten dieses ganzen “unruly mob of comedy spaghettis”.[5]


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Andererseits bietet die Sakral-profan-Dichotomie der Halbbrüder L. und J. auch einen gewissen Anknüpfungspunkt zu den fünfeinhalb von 1951 bis 1970 gedrehten Don-Camillo-und-Peppone-Filmen mit Fernandel und Gino Cervi.[6] Und zum Dritten nimmt Jesse e Lester, d. f. i. u. p. ch. Trinità Anleihen bei … e per tetto un cielo di stelle („… und als Dach einen Sternenhimmel“, Giulio Petroni, 1968), genauso wie bei Duccio Tessaris im September 1969 uraufgeführter Komödie Vivi o preferibilmente morti („Lebendig oder vorzugsweise tot“), welche die beiden Pugilisten Giuliano Gemma und Nino Benvenuti – der eine Ex-Amateur, der andere Profi – als Brüderpaar episodisch-heiter durch den W. Westen geleitet, „mit viel Liebe zum Detail und jeder Menge Action“[7].

Ein Halleluja für zwei linke Brüder betitelte man Gentas und/oder Harrisons[8] Komödie für das deutschsprachige Publikum, welches sie ab 18. August 1972 sehen konnte. Denn, fürwahr, neben der germanofonen Django-Obsession durfte auch religiöse Ehrerbietung nicht zu kurz kommen: Man pries den Herrn mit Inbrunst in mehr als zwanzig Filmtiteln, nachdem am 25. Mai 1972 Barbonis zweiter Trinità-Western als Vier Fäuste für ein Halleluja in den bundesdeutschen Lichtspieltheatern angelaufen war – Zwei Halleluja für den Teufel, aber Der Teufel kennt kein Halleluja, Ein Halleluja für Django, aber Vier Halleluja für Dynamit-Joe –: Verflucht, verdammt und halleluja!.[9]

Richard Harrison wurde in Salt Lake City, Utah, geboren,[10] dem Zentrum des mormonischen Glaubens, der auf den Visionen seines Propheten und Begründers Joseph Smith basiert: 1820 hatte Smith die erste, 1844 wurde er erschossen, 1847 Salt Lake City gegründet.


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Auch die Holzkirche, die Lester O’Hara in Trinity errichten lässt, trägt den Namen Salt Lake City


Wenig Heiliges offenbart hingegen Harrisons Filmografie: Trashiges Teufelszeug jagte dem US-Amerikaner keinerlei Furcht ein, nicht einmal Luigi Batzellas Kaput Lager – gli ultimi giorni delle SS (1977) ließ ihn zurückschrecken.[11] Und wer Batzellas Anche per Django le carogne hanno un prezzo (1971, „Auch für Django haben die Äser einen Preis“) durchgestanden hat, kann sich eine Vorstellung vom Horror machen, der im Kaputtlager lauert. In siebzehn[12] Italowestern spielte Harrison bis 1972 mit,[13] beginnend mit Ricardo Blascos Gringo / Duello nel Texas im Jahr 1963. Auf siebzehn Wildwestfilmauftritte, von 1961 bis 1978, brachte es auch Donal O’Brien,[14] 1930 im schönen Pau in der Gascogne zur Welt gekommen, verstorben 2018 in Aquitanien. Zusammen gespielt hatten Harrison und O’Brien schon in Mario Sabatinis Lo sceriffo di Rockspring (1971), Ersterer als der titelgebende, kinderfreundliche Gesetzeshüter, Letzterer bereits dort als finsterer Mormone. Zu den unbestreitbaren Vorzügen dieses Streifens zählt seine kurze Laufzeit von circa fünfundsiebzig Minuten.[15]

Renzo Genta, 1941 in Vercelli im Piemont geboren, lebte im rund vierzig Kilometer nordwestlich gelegenen Städtchen Biella, als er 1967 hoffnungsfroh beim sechs Jahre älteren Ernesto Gastaldi vorstellig wurde. Gastaldi, ebenfalls gebürtiger Piemontese – aus Graglia, zehn Kilometer westlich von Biella –, hatte den 1935 von Benito Mussolini gegründeten Centro sperimentale di cinematografia (CSC) in Rom besucht und war seit Anfang der 1960er-Jahre bereits ein gut beschäftigter Drehbuchautor in der italienischen Filmindustrie. Genta “said that he wanted to make movies” und entwickelte mit Gastaldi die Story zu Tonino Valeriis I giorni dell’ira.[16] Eine große Karriere ergab sich für Genta daraus nicht. Er übernahm in der folgenden Dekade einige Regieassistenzen, etwa für Dino Risi, Ferdinando Baldi und Romolo Guerrieri, schrieb an einer Handvoll Drehbücher mit und verabschiedete sich Ende der 1970er-Jahre aus dem Filmgeschäft. Jesse e Lester blieb seine einzige Regiearbeit.[17]


Anmerkungen:

  1. Wörtlich: „Jesse und Lester, zwei Brüder in einem Ort namens Dreifaltigkeit“, zum ersten Mal gezeigt am 27. April 1972. Der englische und der italienische Vorspann nennen „James London“ als Regisseur. Wer sich hinter diesem Pseudonym verbirgt, ist nicht ganz klar: Renzo Genta und/oder Richard Harrison. Siehe dazu Simon Geltens Besprechung des Films sowie ein Interview mit Harrison auf Nanarland.com.
  2. Flann O’Brien, In Schwimmen-zwei-Vögel oder Sweeny auf den Bäumen, Zürich: Haffmans, 1990, S. 76 f.
  3. Kevin Grant, Any Gun Can Play: The Essential Guide to Euro-Westerns, Godalming: FAB Press, 2011, S. 306.
  4. Deutsch für Donal O’Brien predigt und parliert passenderweise Arnold Marquis, einer der beiden prägnanten Synchronsprecher Bud Spencers (der andere war Wolfgang Hess). Thomas Danneberg, Terence Hills häufigster deutscher Stimmersatz, ist hingegen nur in einer kleinen Nebenrolle zu hören.
  5. Howard Hughes, Once Upon a Time in the Italian West: The Filmgoers’ Guide to Spaghetti Westerns, London, New York: I.B.Tauris, 2012 (2004), S. 238.
  6. Terence Hill trat 1984 als Don Camillo in einer von ihm selbst dirigierten Neuverfilmung auf.
  7. Sebastian Haselbeck in seiner Besprechung der deutschen Blu-Ray-Veröffentlichung des Films, Friss oder stirb.
  8. Genta wird im englischen und im italienischen Vorspann angeführt als verantwortlich für das Drehbuch und die Adaption der zugrunde liegenden Geschichte, die von Harrison stammt, der neben Fernando Piazza auch als Produzent fungierte.
  9. Eine umfassende Liste der deutschen Spaghettiwesterntitel mit religiösem Bezug findet sich im Anhang von Michael Striss’ Buch Gnade spricht Gott – Amen mein Colt. Motive, Symbolik und religiöse Bezüge im Italowestern, Marburg: Büchner, 2018, S. 606–611. „Halleluja“ kommt darin mehr als zwei Dutzend Mal vor.
  10. Je nach konsultierter Quelle 1935 oder 1936.
  11. Umberto Lenzi, Anthropophagieexperte (Cannibal ferox, 1981): “Harrison was good, always professional. […] Later, when we parted ways, he wasn’t able to choose his projects wisely and ended up working on terrible Z-movies.” Zit. n. Eugenio Ercolani, Darkening the Italian Screen: Interviews with Genre and Exploitation Directors Who Debuted in the 1950s and 1960s, Jefferson/NC: McFarland & Company, 2019, S. 33.
  12. Oder vielmehr achtzehn, denn ein jahrzehntelang unbekannt gebliebener Western von Amasi Damiani tauchte vor einiger Zeit wieder auf.
  13. Wirkliche Glanzlichter des Genres sind allerdings nicht dabei; zu meinen Favoriten unter Harrisons Westernrollen zählt sein früher Auftritt 1963 in Joaquín Luis Romero Marchents El sabor de la venganza („Der Geschmack der Rache“), der einmal mehr atavistische Gewalt gegen Gesetz und Ordnung in Stellung bringt, einen der wesentlichen Topoi des US-Westerns. In Alberto De Martinos solidem Genrebeitrag Centomila dollari per Ringo (1965, „Hunderttausend Dollar für Ringo“) stellt Harrison einen fachkundigen Revolverdreher dar; in Leopoldo Savonas El rojo (1966, „Der Rote“) einen blonden, blassen „vendicatore“ namens Donald Sørensen, der aus nicht nachvollziehbaren Gründen auch der Titelheld sein könnte; in Antonio Margheritis düsterem Joko, invoca Dio … e muori (1968, „Joko, flehe zu Gott … und stirb!“ oder [ohne Komma]: „Joko fleht zu Gott … und du stirbst“) den grimmigen, eponymen Rächer; in Nick Nostros Uno dopo l’altro (1968, „Einer nach dem anderen“) einen buchhalterischen Pistolero mit Brille; in Juan Boschs La diligencia de los condenados (1970, „Die Diligence/[Eil-]Postkutsche der Verdammten“) einen vom Killer zum Kutscherkneipier konvertierten Pistolenmann; in Marino Girolamis und/oder León Klimovskys Reverendo Colt (1970) einen poltrigen Nebenrollensheriff; in Boschs Abre tu fosa, amigo … llega Sábata (1971, „Grabe dein Grab, Freund … Sabata kommt“) einen den Mord an seinem Vater sühnenden Sezessionskriegsheimkehrer und in Tanio Boccias La lunga cavalcata della vendetta (1972, „Der lange Ritt der Rache“) einen den Mord an seiner Schwester sühnenden Sezessionskriegsheimkehrer. Was zu sowohl John Waynes wie auch Clint Eastwoods schauspielerischer Ausdrucksfähigkeit und Hut bemerkt wurde, ließe sich ebenso von Harrisons Thespis’scher Kunst und Schnurrbart behaupten: ein Repertoire von zwei Mienen – mit und ohne Schnauzer. (Für Wayne und Eastwood siehe z. B. Howard Hughes, Stagecoach to Tombstone: The Filmgoers’ Guide to the Great Westerns, London, New York: I.B.Tauris, 2008, S. 79; Jeff Dawson, „Dirty Harry Comes Clean“, in: The Guardian, 6. Juni 2008.)
  14. O’Brien spielte seine beste Westernrolle in Sergio Sollimas Corri, uomo, corri (1968, „Lauf, Mann, lauf“) und trat in einigen hoch geschätzten Italowestern auf, etwa in Lucio Fulcis I quattro dell’apocalisse (1975, „Die vier der Apokalypse“), Enzo G. Castellaris Keoma (1976) und Sergio Martinos Mannaja (1977), alle vier in den SWDb-Top-Forty.
  15. Zumindest jener Version, die ich anschauen durfte, italienischer Ton, griechische Untertitel, katastrophale Bildqualität.
  16. Roberto Curti, Tonino Valerii: The Films, Jefferson/NC: McFarland & Company, 2016, S. 39.
  17. Und diese weisen manche Kommentatoren Richard Harrison und sogar Marino Girolami zu (siehe Grant, Any Gun, a. a. O., S. 461).

Compañero M.

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