Mercenario - Der Gefürchtete - Filmkritik

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Die 68er sind an allem schuld

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Sergio Corbucci und „Il Mercenario

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Achtung leichte Spoiler

1968 war ein gutes Jahr für Sergio Corbucci. Kurz hintereinander kamen seine beiden besten Western in die Kinos. Zuerst „Il Grande Silenzio“, ein paar Wochen später folgte „Il Mercenario”.

1968 war ein schlechtes Jahr für Sergio Corbucci. Denn danach drehte er nichts Gleichwertiges mehr. 1970 versuchte er sich mit „Vamos a matar, Companeros“ noch einmal an einer Fortsetzung oder eigentlich einer Variation von „Il Mercenario“, und der Film ist auch ganz ordentlich geworden, aber er spielt in einer anderen Liga, obwohl man hier sogar Iris Berben als mexikanische Revolutionärin bewundern kann.

1968 aber war alles perfekt. Mit „Il Grande Silenzio“ setzte Corbucci den Schlusspunkt unter ein ganzes Genre und mit “Il Mercenario“ hängte er noch einmal ein Satyrspiel an. Ernster und komischer würde der Italowestern nie mehr sein. Sicher, Bud Spencer und Terence Hill gaben sich in Enzo Barbonis Spaßwestern zwar alle Mühe. Aber Hill war eigentlich nur die Parodie auf Franco Nero und der parodierte seinen (und Corbuccis) „Django“ sehr viel besser, wenn er als polnischer Söldner Sergei Kowalski in „Il Mercenario“ mitten im gegnerischen Kanonenfeuer nur gegen sofort übergebenes Bargeld bereit ist, dass Maschinengewehr in Funktion zu setzen.

1968 war der Versuch einer Revolution. Corbucci zeigt, dass sie eigentlich nur scheitern kann. Paco Roman (gespielt vom großartigen Tony Musante, der leider nie wieder in einem Italowestern auftauchen sollte) ist ein einfacher Minenarbeiter, der erst revoltiert, als er in seinem Essen eine Eidechse findet. Die nächste Szene zeigt, wie sich aus einem Schweinskopf mit Zitrone im Maul langsam ein Pistolenlauf schiebt, und der Besitzer der Silbermine muss den Findling verspeisen. Erneuter Schnitt, der uns Paco bis zum Hals in Sand eingegraben zeigt. Der Pole verkündet aus dem Off, dass die Reichen eine Umverteilung der Güter nicht so gerne sähen. Paco erwidert in die Kamera, dass er wenigstens ein gutes Essen hatte. Kürzer, prägnanter und letztendlich auch komischer kann man das Scheitern einer Revolte kaum präsentieren. Der ganze Film wirkt unglaublich entspannt.

1968 war ein Jahr, in dem es aber eigentlich alle ernst meinten. Niemand machte Witze über die Revolution. Doch Corbucci machte sich lustig. Paco sagt am Ende (in der englischen Fassung): „I have a dream.“ Der Pole rettet ihm daraufhin noch einmal das Leben, indem er den auf Paco lauernden Minenbesitzer mitsamt seiner Leute tötet, und erwidert dann auf das berühmte Martin-Luther-King-Zitat nur lakonisch, er solle wenigstens mit offenen Augen träumen. Zwischendurch hat er Paco (und uns) in einer wunderbaren Szene schon die Revolution anhand der weiblichen Anatomie erklärt. Das Ziel ist es, Kopf und Arsch zusammen zu kriegen. Die Kinder von Marx und Coca Cola können also auch Spaß haben.

1968 hätte Corbucci den Film eigentlich gar nicht drehen sollen, denn Gillo Pontecorvo war eigentlich als Regisseur vorgesehen, entschied sich dann aber doch dafür, lieber „Queimada“ mit Marlon Brando zu drehen. Und dessen Rollennname in “A Streetcar Named Desire” war ja auch S. Kowalski, nur hieß der Sergei dort Stanley, aber es ist gewiss kein reiner Zufall. Wie gesagt, Corbucci hat Humor. Darum beginnt der Film auch mit Clowns in einer Arena, die nebenbei gesagt, mit Werbeplakaten (für Autos, Grammophone und Cola) zugepflastert ist. Der Kapitalismus ist längst angekommen und selbstverständlich geworden. Der Revolutionär kann nur als Clown getarnt überleben, sein Kampf mit dem Stier ist tatsächlich eine Parodie auf einen wirklichen Kampf. Für das ernsthafte Duell mit seinem Gegner Ricciolo (Jack Palance) in der Arena muss erst der Pole Chancengleichheit schaffen. Dieses Duell ist inszeniert wie die Schlussduelle aus der Dollar-Trilogie Sergio Leones, der ebenfalls 1968 mit „C’era una volta il west“ den Italowestern zu (s)einem gültigen Ende brachte. Die Musik Morricones unterstreicht das noch. Zwei Schüsse ertönen, Paco liegt am Boden, Ricciolo scheint gewonnen zuhaben. Aber Paco ist nur verletzt und sein Gegner, der durch das hochkomische Spiel von Palance (der immer mal wieder geradezu hysterisch grinst), die schwarze Lockenpracht und den dunklen Anzug wie die permanente Parodie eines Schurken wirkt, sackt zusammen, nicht ohne aus seiner weißen Ansteckblume rotes Blut herausquellen zu lassen. Die Spritzblume verweist noch einmal überdeutlich auf den clownesken Charakter Ricciolos. Wir befinden uns im Zirkus und den sollten wir nicht zu ernst nehmen. Eigentlich wäre das jetzt das Ende, aber danach spendiert uns Corbucci noch zwei weitere Schlusskämpfe, um damit noch einmal die Groteske zu betonen. Es könnte auch endlos so weitergehen, der eigentliche Schluss erscheint beinahe willkürlich. Wohlgemerkt, er erscheint so, aber in Wirklichkeit ist auch das Ende exzellent konstruiert. „Il Mercenario“ ist ein hervorragender Revolutionswestern und zugleich seine Parodie. Nichts ist wie es scheint, und hinter den Bildern lauert eine andere Realität. Jede scheinbar noch so ausweglose Situation löst sich stets pointiert auf. Nie war die Revolution komischer, und nur, wer wie hier Corbucci sein Sujet eigentlich todernst nimmt, kann so komisch sein. Das klingt paradox, ist aber das Wesen der Komik und dieses Films.

Sergio Corbuccis Todestag jährt sich im Dezember 2010 zum 20.Mal. Franco Nero schrieb in einem Brief zum letzten Geleit an seinen Freund: „Wer weiß, vielleicht lachst Du immer noch, stimmt’s ... auch da, wo Du jetzt bist.“ Ich denke, das wird so sein. Es muss einfach.

-- von Lars Johansen

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