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Requiescant: Mögen die deutschen Zensoren in Frieden ruhen

From The Spaghetti Western Database

by Lars Johansen · March 30, 2013

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REQUIESCANT („Mögen sie in Frieden ruhen“) ist in gewisser Weise einzigartig. Denn es ist der einzige Italowestern, in dem Pier Paolo Pasolini mitspielt. Er soll auch am Drehbuch mitgearbeitet haben, und das ist zumindest in den Teilen des Films spürbar, in denen er in der Rolle des Priesters Don Juan auftaucht. In der neuen, endlich vollständigen deutschsprachigen Fassung des Films, die bei KOCH MEDIA erschienen ist, kann man das sogar sehen. Denn in der alten Kino- und Fernsehfassung fehlten einige Sequenzen mit ihm. Dass Pasolini den Film gemocht haben muss, merkt man auch daran, dass Schauspieler, die häufig in wichtigen Rollen in seinen Filmen auftauchten, mit dabei sind, unter ihnen Franco Citti und Ninetto Davoli. Pasolini hat aber auch in einem weiteren Film von Carlo Lizzani mitgespielt, nämlich in IL GOBBO („Der Bucklige von Rom“) von 1960. Da er sonst eigentlich nie in Filmen anderer Regisseure auftrat, zeigt es deutlich die Verbundenheit mit Lizzani, dessen zweiter und letzter Western dies war. Der erste, UN FIUME DI DOLLARI („Eine Flut von Dollars“), war ein Jahr zuvor entstanden und ist eine ordentliche Arbeit geworden, die aber weit hinter REQUIESCANT zurückbleibt.

Denn dieser Film ist ein wirklich böser Film voll ausgesuchter Grausamkeiten und herrlichen Irrsinns geworden. Franco Citti beispielsweise spielt immer mit einer Art Barbie-Puppe herum, die definitiv nicht in den Film passt und gerade dadurch seine Figur perfekt beschreibt. Hier ist einer völlig aus der Realität herausgefallen und seine fetischistische Beziehung zu dieser Puppe macht aus dem Bösen, den er spielt einen wahnsinnigen Bösen, dem man allerhand Unheil zutraut. Auf der Farm seines Chefs, Ferguson, gibt es eine komplett eingerichtete Gummizelle, in welcher dieser seine Frau einzusperren pflegt. Ferguson, brillant von Mark Damon gespielt, der hier dem Over-Acting völlig neue Dimensionen eröffnet, ist noch einen Tick wahnsinniger und pflegt im Stadium der kompletten Trunkenheit Schießwettbewerbe auf lebende Ziele durchzuführen. Diese müssen natürlich Frauen sein, die er hasst, da sie ausschließlich zur Fortpflanzung taugen würden, wie er nimmermüde betont. Auch davon war in der alten deutschen Fassung wenig zu sehen. Vor allem fehlt hier vollständig seine offensichtliche Homosexualität, denn nicht nur ist er geradezu geisterhaft geschminkt und seine Augen sind mit Kajal betont, zudem baggert er seine rechte Hand, Dean Light (auch so ein sprechender Name!), doch recht intensiv an. So etwas hätte den guten deutschen Kinozuschauer 1967 vermutlich zu sehr verwirrt und an seiner eigenen sexuellen Ausrichtung zweifeln lassen. Aber vielleicht ist es auch der fast schon parodistische Umgang mit der Philosophie Nietzsches, der die Zensoren hier zur Schere greifen ließ. Denn Ferguson ist letztlich nichts anderes als die Travestie des nietzscheanischen Übermenschen.

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Sein Ende unter der Glocke, also quasi der Kirche, nimmt eine vorhergehende Szene auf, in der die gleiche Glocke das Überleben von Requiescant sichert, der damit unter dem Schutz der Kirche zu stehen scheint. Nun ist ja auch sein Stiefvater ein Geistlicher und er selbst spricht für diejenigen, die er erschießt immer ein kleines Gebet. Doch so ganz versteht er nicht, was er da tut. Grenzenlos naiv, eine Parzivalfigur, also ein gutherziger Narr, weiß er sehr lange nicht einmal, wer er wirklich ist. Fast kindlich verspielt treibt er sein Pferd mit einer Bratpfanne an. Die Suche nach seiner Stiefschwester, welcher er fast inzestuös verbunden ist, führt ihn zurück in seine Vergangenheit, von der er nichts weiß, da er, bedingt durch seine Kopfverletzung, keinerlei bewusste Erinnerung daran besitzt. Lou Castel spielt diesen Requiescant mit einem distanzierten Zeigegestus, der aber durchaus passend ist. Deformiert sind hier eigentlich alle, physisch oder psychisch. Wirklich gesund ist niemand. Alle auftretenden Personen sind dabei immer auch, aber nicht nur, als allegorische Figuren zu verstehen.

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Zurück zu Pasolini. Dessen Rolle ist hier gar nicht so sehr gekürzt, wie ich ursprünglich annahm. Es fehlen nur ein oder zwei kurze Szenen. Wichtig dabei ist aber eine, die fast den ganzen Film auf den Kopf zu stellen scheint und einen exzellenten, hell- und weitsichtigen Kommentar zum elitären Anspruch einiger weniger Linken abgab, die ein paar Jahre später in den roten Brigaden oder der RAF mit Gewalt einen revolutionären Führungsanspruch durchzusetzen versuchten. So sagt Don Juan nämlich, am Ende des Films, zu Requiescant gewandt: „Der Krieg ist schrecklich, nicht weil getötet wird, sondern weil man tötet. Nicht weil Menschen getötet werden, sondern weil man die Gnade tötet. Du hattest deinen Spaß, Ferguson kalt zu machen, stimmt’s? Du hast Gefallen daran gefunden, wie ein Kind mit einer Fliege. Aber denk daran, Ferguson war nicht dein Feind, sondern unser Feind. Er hat nicht dein Land gestohlen, sondern unser Land. Aber wir brauchen leider Leute wie dich. Du bist der Beste von uns, was das Töten betrifft. Daher bitten dich meine Leute und ich, diese Bande anzuführen.Und ich bete zu dem Herrn, dass du zusagst. Dass du dich anderen Banden anschließt, kämpfst und tötest. Und dass unser armes Volk endlich ein wenig Gerechtigkeit und Freiheit erfährt.“

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Ein fast brechtscher Sprachduktus, der nicht von ungefähr an „Die Maßnahme“ erinnert, ein Lehrstück über die Revolution. „Wir brauchen leider Leute wie dich.“ Dieser Satz bringt das Dilemma auf den Punkt. Der Held ist kein Held, sondern nur Mittel zum Zweck. Und das wird ihm hier ziemlich deutlich ins Gesicht geschleudert. So klar hat das mit Gewissheit kein anderer Western getan. Gleichzeitig wird damit auch ziemlich perfide über die Rolle des Zuschauers räsonniert, der ja auch durchaus Gefallen an der gezeigten Gewalt auf der Leinwand gefunden hat. Nun fühlt man sich ertappt. Ohne diese kurze Szene, die aber von entscheidender Bedeutung für den Film ist, hat man bisher in Deutschland nur einen Rumpf gesehen, eine Ahnung des Films, der REQUIESCANT eigentlich ist. Erst dieses fiese, gemeine Ende eines hochintelligenten filmischen Diskurses über Gewalt, Revolution und den Rest schließt den Kreis und schlägt den Bogen zum zeitgenössischen Dokumentartheater. Dank KOCH MEDIA kann man den Film jetzt endlich auch wirklich verstehen. Man kann ihn HIER bei Amazon kaufen. Kollege Alexander Fischer hat noch eine DVD Kritik verfasst unter diesem Link.


Der Autor: Lars Johannsen. Magedeburg, Germany based comedian and long-time cineast with a special love for pre-70s European cinema, spaghetti westerns in particular.

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