Spaghetti Western Podcast

Töte Amigo BluRay Rezension

From The Spaghetti Western Database

Mein Spagvember geht weiter, mit einer weiteren überfälligen Sichtung zweier BluRay Versionen von Damiano Damianis Quien Sabe? (Töte Amigo), auch bekannt als A Bullet for the General oder El Cuncho. Die BluRay auf die sich dieser Text konzentriert ist die deutsche Edition von Koch Films, in der englischen Übersetzung dieses Artikels gehe ich dafür näher auf die US-Disc von Blue Underground ein. Ich will das Rad nicht neu erfinden, daher basiert dieser Text auf einer Besprechung die ich vor vielen Jahren zum DVD-Release geschrieben hatte (Töte Amigo DVD Review).

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Read it in English: A Bullet For The General BluRay review (translation of this article but with a focus on the US BluRay)

Der mexikanische Bandit El Chuncho (gespielt von Gian Maria Volonte), der Trommler, überfällt einen mit Munition beladenen Zug. Mit an Bord ein Amerikaner, der sich als Gefangener ausgibt, den Zug zum Halten bringt, und sich fortan auf Chunchos Seite schlägt. Chuncho nennt ihn El Nino (gespielt von Lou Castel), das Kind. Zusammen mit Chunchos Bande zieht der gebildete Amerikaner los auf Raubzüge um Waffen und Munition für die Revolution zu beschaffen, die Chuncho dann für bare Münze dem Generalissimo in den Bergen verkaufen will. Mit von der Partie ist Chunchos Halbbruder El Santo (Klaus Kinski), ein Revolutionär mit Herz und Seele, und Adelita (Martine Beswick). Chuncho und Nino werden gute Freunde, doch die Ambitionen des Amerikaners und die Ziellosigkeit des einfach gestrickten Chuncho lassen bald eine Spaltung der Bande entstehen. Cuncho ist innerlich zerrissen: einerseits ist er Bandit und will Waffen verticken, andererseits wird er somit zum Helden für die Revolution. Der Amerikaner schafft es letztendlich zum General in den Bergen, wo auch Chuncho seine Waffen los wird, aber herausfindet, dass alles wofür er gekämpft hat und woran er geglaubt hat, sich ganz anders verhält als angenommen, und der Amerikaner nicht der ist, der er vorgab zu sein....

Quien Sabe, wie der Film ursprünglich, und sehr passend, heisst, ist ein Meisterwerk des Revolutions-Italowestern. Damiani hat, wie Sergio Corbucci, den damaligen Zeitgeist erkannt und vor dem Hintergund von Vietnamkrieg und Studentenprotesten einen von vielen politischen Western gedreht, jedoch metaphorisch und narrativ gut oder vielleicht sogar noch viel besser verpackt. Wie Corbucci setzt er auf zwei Protagonisten, die symbolisch für zwei verschiedene Ideen stehen, und lässt diese vor dem Hintergrund der mexikanischen Revolution aufeinander treffen. Chuncho ist der einfach Rüpel, der ungebildete Bauernrevoluzzer, Nino ist der gebildete Yankee, der Kapitalist und etwas weitergedacht, der Kolonialist und Interventionist, in der Parallele einer Vietnam-kritischen Geschichte.

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Gekonnt lässt Damiani die beiden Darsteller wirken: Volonte gibt wohl seine zweitbeste Italowestern Performance und Castel zeigt meiner Meinung nach in keinem anderen Italowestern so viel Können. Es kommt dem Film sehr zu Gute, dass er doch ein ordentliches Budget nutzen konnte, so sind alle Szenen aufwendig gestaltet und von tollen Aufnahmen eingefangen, Bacalovs bzw Morricones (so genau weiß man das oft nicht) Musik tut sein übriges, dem Film seinen letzten epischen Schliff zu geben. Und es klappt wunderbar. Quien Sabe ist ein verzauberndes Revolutionsepos, welches weniger langatmig wirkt wie zum Teil Corbuccis Ausflüge in das Genre, und ebenso den hart gesottenen Westernfan nicht mit zu viel unnötigem sozialistischem Gelaber langweilt.

Damiani schafft es, stilistisch seine Kernaussagen rüberzubringen, und macht nebenbei einen grandiosen Film. Nicht umsonst zählt er zu den beliebtesten Italowestern und findet sich in fast allen Top-10 oder Top-20 Listen von Fans und Experten wieder, der Film ist das, was man die A Riege der Italowestern nennt, ein spannender Film, ein gut gemachter Film, und dennoch ein tiefgründiger Film. Spätestens wenn Chunchos Erleuchtung kommt, in der berühmten Bahnhofszene, dann wird Morricones musikalisches Thema Freudentränen auf die Wangen von Cineasten zaubern. Quien Sabe, sagt Chuncho, wer weiß, hinter dem martialischen Töte Amigo mag sich vielleicht einer der bedeutendsten Filme des Genres verbergen, der seit seiner Verfügbarkeit im Heimkino ein noch breiteres Publikum findet.

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Soweit zu meinen Gedanken wie ich sie vor einigen Jahren schon mal verfasst hatte. Und ich muss sagen: er hat immer noch diese Wirkung auf mich. Klar, die etwas langweiligen Actionsequenzen und ein paar heitere Momente zersetzen die Ernsthaftigkeit der Thematik, aber es ist eine bitter ernste Parabel auf die Revolution, und eine für Italowestern-Verhältnisse extrem tiefgründige Charakterstudie. El Chuncho sagt nicht "wer weiß", weil er dumm ist, sondern weil er ein Volk verkörpert das zum unfreiwilligen Spielball größerer Interessen wurde, von denen er keine Ahnung haben kann. Er ist ein getriebener, und noch genauer: ein in die Ecke Getriebener. Seine Einfältigkeit macht ihn für alle Seiten zum perfekten Handlanger, doch was ist es eigentlich was er selbst möchte? Welche Ideale hat er? Am Ende, als ihm klar wird dass er von allen ausgenutzt wurde, vor allem von seinem Freund el Nino, muss er sich klar werden darüber ob er das alles hinnimmt, oder ob er daraus eine brutale Schlussfolgerung zieht obgleich er deren Tragweiter und Faktoren nicht verstehen kann. Er entschließt sich für letzteres, und rennt in den Sonnenuntergang. Und Ennio Morricone's emotionales musikalisches Motif in dem Moment macht das ganze zum heulen schön. Ein großartiger Moment der Kinogeschichte.

Die BluRay bietet ein solides Bild, das vermutlich auf dem gleichen Ausgangsmaterial beruht wie schon die DVD Fassungen. Das Problem ist die digitale Kantenglättung und der Rauschfilter. Beides ist nicht exzessiv eingesetzt, aber dem Bild fehlt es insgesamt an Details, vor allem bei den Bildbereichen die nicht im Fokus der Kamera stehen. Alles an Filmkorn wurde hier etwas totgefiltert und das Bild wird dadurch leicht matschig. Wie gesagt, nicht so schlimm wie schon mal gesehen (die BluRay von Companeros zum Beispiel ist in der Hinsicht nochmal viel schlimmer) aber es ist dennoch kein Transfer auf der Höhe der Zeit, der Look-und-Feel von Film ist hier nicht präsent. Für die Nachwelt würde man sich einen 4K Scan erhoffen bei dem man das Bild ansonsten digital intakt lässt. Farblich gibt es ansonsten wenig auszusetzen, nur ist mir das Bild irgendwie zu hell. Übrigens wird der amerikanische Print benutz bei dem der Film "El Chucho - Quien Sabe" heißt.

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Der Ton klingt okay. Die deutsche Tonspur ist generell etwas hell und tendiert zum blechernen Klang, darunter leidet vor allem alles was mit Geräuschen zu tun hat, z.B. auch Schießereien, das klingt nicht nach Schüssen sondern nach einem Konzert aus von Ameisen geschwungenen Peitschen (schräges Bild, ihr wisst schon). Da kracht und knallt nichts, es gibt keine Tiefen. Etwas schade. Die italienische Spur (es gibt deutsche Untertitel zum dazuschalten) klingt leider nicht so viel besser in der Hinsicht. Wer den Film auf Englisch sehen möchte hat die Wahl zwischen der alten und einer neueren Synchronfassung. Ich finde die sind sich beide recht ähnlich, eine davon ist insgesamt etwas dumpfer und von der Qualität her nicht so sauber. Den genauen Hintergrund für die zweite Synchro kenne ich leider nicht.

In Sachen Extras ist enthalten, was schon auf der DVD war: Das interview mit Damiani (ca 10min) und das mit Castel (ca 20min), sowie Trailer und eine Bildergalerie. Insgesamt ist die Scheibe also ein solides Upgrade in die HD Welt, bietet aber ansonste nichts neues für Fans.

Zum Vergleich die US-BluRay: die bietet zwar weniger Tonspuren, dafür mehr Untertitel, und auch nicht das Interview mit Castel, allerdings liegt eine DVD mit einer Doku über Volonte bei.


Die BluRay wurde uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt. Screenshots von BluRay.com


Von Sebastian

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